Wurmkur bei Schildkröten

Ich bin mir darüber bewusst, dass dieses Thema sehr umstritten ist. Ich will hier mit meinen Erfahrungen und meiner Meinung einige Denkanstöße geben.

Vorbemerken möchte ich allerdings eins. Es gibt auch bei einem übermäßigen Parasitenbefall keine allgemein gültige Regel, es kommt immer auf den Einzelfall an. In meinen Büchern habe ich beschrieben, das bei einem übermäßigen Befall von Darmparasiten ein schildkrötenerfahrener Tierarzt entscheiden sollte, ob eine Wurmkur gemacht werden sollte oder nicht.

Wenn Sie sich bei der Haltung ihrer Tiere an meinen Büchern orientieren wird es zu einer solchen Entscheidung erst gar nicht kommen.

Wer seine Schildröten so naturnah wie möglich hält und artgerecht ernährt, hat sicherlich so gut wie keine krankheitsbedingten Probleme.

Auch in ihren natürlichen Lebensräumen haben die Schildkröten Madenwürmer (Oxyuren), Spulwürmer (Askariden) oder Einzeller wie Flagellaten (Hexamiten) oder Trichomonaden. Damit Leben die Tiere ohne irgendwelche Beeinträchtigungen. Selbst ein massenhafter Befall von Oxyuren und Askariden bringt frei lebende Schildkröten nicht zwingend aus dem Gleichgewicht. Ein solcher Massenbefall tritt vorzugsweise im Frühjahr durch ein Zuviel an eiweißreichen und rohfaserarmen Keimlingen und auch nach einem übermäßigem Genuss von Wildfrüchten auf. Sobald die Schildkröten wieder rohfaserreiches Futter, trockene Pflanzen, Heu und vor allem auch Blätter von Bäumen und Sträuchern fressen, reduzieren sich die Parasiten wieder auf ein natürliches Maß. Siehe Seite 296 ff. im Buch Futterpflanzen.

Das funktioniert auch bei mir und bei vielen anderen erfahrenen Schildkrötenhaltern im Gehege. Wer seine Schildkröten artgerecht hält und füttert wird kaum eine massenhafte Vermehrung von Parasiten provozieren. Wie ich haben viele erfahrene ältere Halter noch nie daran gedacht gesunde Schildkröten mit Entwurmungsmitteln zu „vergiften“.

Eine Wurmkur schadet einem Pflanzenfresser aus vielen Gründen erheblich.

Zunächst einmal handelt es sich bei den Medikamenten, die den Schildkröten mehrfach hintereinander jedes Jahr verabreicht werden sollen, um giftige Substanzen (Neurotoxine, also Nervengift). Auch in niederen Dosierungen gehen die Toxine sicher nicht unbeschadet an den Schildkröten vorbei.

Was jedoch noch schwerer wiegt. Durch das Gift wird auch die Darmflora (Bakterien und Mikroorganismen) abgetötet. Die Darmflora ist für einen Pflanzenfresser lebensnotwendig. Ihr werden nährende, schützende, stoffwechselanregende und immunologische Funktionen zugeschrieben. Siehe Seite 52 und S. 214 ff. im Buch Natürliche Haltung und Zucht ...

Ohne die Darmflora kann die Nahrung nicht aufgeschlossen und die Nährstoffe dem Organismus nicht zugeführt werden. Einfach ausgedrückt: Die Schildkröte hat zwar gefressen, aber keine Nährstoffe zu sich genommen.

 

Die Darmflora ist jedoch nicht nur für die Aufspaltung der Nährstoffe zuständig, sondern schützt den Organismus auch vor Infektionen indem sie die Ansiedlung krankheitserregender Keime abwehrt. Sie ist auch für die Bildung lebenswichtiger Vitamine und Fettsäuren zuständig.

 

Nicht nur die Ernährung, sondern auch die Haltung hat einen Einfluss auf den Darm. Stress und Bewegungsmangel wirken sich äußerst negativ aus.

Landschildkröten sind als ausgesprochene Bodenbewohner in besonderem Maße mit dem Boden verbunden und außerordentlich gestresst, wenn Sie ständig aufgehoben, herumgetragen oder sonst drangsaliert werden. Stress gilt als wesentlicher Auslöser psychischer und körperlicher Krankheiten.

Leider sieht man den Schildkröten diesen negativen Stress und auch die Anzeichen einer Krankheit erst an, wenn es fast schon zu spät ist.

Ein gutes Erkennungszeichen für eine beginnende Verschlechterung des Gesundheitszustandes, ist das Gewicht.

Eine Schildkröte in der freien Wildbahn ist etwa so schwer, wie ein gleichgroßer Stein. Fühlt sich das Gewicht ihrer Schildkröte leichter an, sollten sie die Haltung überdenken.

 

Eine geschädigte oder bei einer Wurmkur völlig zerstörte Darmflora baut sich nur äußerst langsam wieder auf. Insbesondere wenn alle Tiere eines Bestandes entwurmt worden sind. Es kann tatsächlich mehrere Wochen bis Monate dauern, bis die Darmflora ihr natürliches Gleichgewicht wieder regeneriert hat.

© 2020 Wolfgang Wegehaupt

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