Die Lebensweise in der freien Natur

Seit fast 50 Jahren beschäftige ich mich ausführlich mit der Feldherpetologie und suche mehrmals jährlich viele Schildkrötenhabitate im gesamten Mittelmeerraum auf. Dort habe ich die Tiere anfangs nur beobachtet und schließlich intensiv ihre Lebensweise und ihr Verhalten erforscht.

Je nach den Temperaturverhältnissen in den unterschiedlichen Biotopen graben sich die ersten Schildkröten bereits im Februar wieder regelmäßig aus ihren Verstecken hervor um sich an der Frühjahrssonne aufzuwärmen.

Spätestens im März sind alle Tiere wieder aktiv und gehen je nach Wetterlage täglich ihrem gewohnten Leben nach.

Eine Ausnahme machen hier nur die in höher gelegenen kühleren Biotopen im Landesinneren lebenden Schildkrötenpopulationen.

Die dort lebenden Schildkröten werden temperaturabhängig etwas später im Jahr aktiv, gleichzeitig ist aber auch das Pflanzenwachstum und die Blütezeit weiter in die Sommermonate verlagert.  

Die tägliche Aktivphase beginnt nachdem die ersten Sonnenstrahlen den Boden erwärmt haben. Die Schildkröten kriechen aus ihren Verstecken heraus und halten ein ausgiebiges Sonnenbad. Nach Erreichen der Stoffwechseltemperatur sind die Schildkröten sehr aktiv. Sie begeben sich auf ihre Weidegänge oder erkunden das Gelände. Mit dem Einsetzen der Mittagshitze verkriechen sich die Tiere in das Dickicht um schließlich am Nachmittag nochmals aktiv zu werden.  

Noch während die Sonne am Himmel steht verstecken sich die Schildkröten wieder in ihren Unterschlüpfen um dort eingegraben die Nacht zu verbringen.

Grundsätzlich meiden europäische Landschildkröten offenes Gelände. Allerdings sind aus Sicht der Schildkröten schon größere Steine, Grasbüschel und kleine Büsche baumhoch. Jungen Schildkröten ist freies Gelände wegen der von oben drohenden Fressfeinde sogar äußerst unangenehm. 

Innerhalb der Habitate beansprucht jedes einzelne adulte Tier ein relativ kleines Streifgebiet in dem sich sein Unterschlupf befindet. Europäische Landschildkröten haben kein Territorium und somit auch kein Revierverhalten, das heißt sie verteidigen ihren Aktionsraum nicht, sondern leben in einem offenen Verband innerhalb der Habitate nebeneinander in sich stark überschneidenen Streifgebieten. 

Bevorzugt graben sich die Schildkröten unter dichtem, oft dornigem Buschwerk, größeren Grashorsten, altem Holz oder großen Steinen ein.  Vorhandene kleine Höhlen oder von anderen Tieren gegrabene Erdlöcher werden ebenfalls gerne als Unterschlupf angenommen. Diese Verstecke werden, falls sich im Habitat nichts verändert, über viele Jahre hinweg für die Ruhezeiten und auch zur Überwinterung genutzt.

 

Der Unterschlupf wird von adulten europäischen Landschildkröten in der Regel alleine bewohnt. In größeren Höhlen oder breiteren Schlupfwinkeln können durchaus auch mehrere Tiere dicht beieinander sitzen, obwohl es in der Umgebung vergleichbare Möglichkeiten gibt.

Die einzelnen in der Regel nur wenige Quadratmeter großen Streifgebiete überschneiden sich erheblich. Die Aktionsräume der Männchen sind etwa doppelt so groß wie die der Weibchen. Männliche Tiere sind auch früher und änger aktiv als ihre weiblichen Artgenossen.

Treffen im Frühjahr zwei Männchen aufeinander sind regelmäßig Kommentkämpfe zu beobachten. Diese Kämpfe sind dem Paarungsritual sehr ähnlich und werden regelmäßig vom größeren und damit stärkeren Tier entschieden. Mit Revierverteidigung haben diese ritualisierten Handlungen nichts zu tun.

Oft ist auch die Rangfolge schon nach kurzem Beriechen geklärt und der „Schwächere“ geht eilend aus dem Weg.

Bereits kurz nach der Winterruhe sind die vor den Weibchen aus der Winterstarre hervor kriechenden Männchen im größeren Umkreis ihres Streifgebietes unterwegs auf der Suche nach weiblichen Artgenossen. Treffen sie auf ein Weibchen, beginnen sie sogleich mit ihrem, je nach Art, etwas unterschiedlichem Werberitual.

Die Weibchen verlassen, außer zur Eiablage, ihr Streifgebiet, falls erforderlich, nur zur Futtersuche. 

Landschildkröten sind von Natur aus Weidegänger und können auf der Suche nach Futter je nach den Verhältnissen in den einzelnen Biotopen auch größere Flächen außerhalb ihres eigentlichen Streifgebietes begehen.

Zwei sich begegnende Weibchen ignorieren sich oder beriechen sich allenfalls kurz und gehen bald wieder getrennte Wege.

Im Frühjahr regnet es im gesamten Mittelmeerraum noch ausgiebig, sodass die Schildkröten nicht nur regelmäßig von diesen oft wolkenbruchartigen Regen gebadet werden, sondern durch das Trinken an Wasseransammlungen auch ihren Wasserhaushalt nach der Winterruhe ins Lot bringen können.

Bekanntlich nehmen Schildkröten ja auch über die Kloake und die Haut Wasser auf.

Durch die Regenfälle begünstigt wachsen schon im Februar grüne Gräser und Kräuter. Bereits Anfang April sind die Schildkrötenbiotope das reinste Blütenmeer. Selbst karge öde Böden sind von farbenfrohen Blütenteppichen überzogen. In der Luft liegt der berauschende Duft von Blumen und würzigen wilden Kräutern. Im Frühjahr fressen die Schildkröten vorwiegend Blüten und saftiges frisches, vitaminreiches Grün.

In der freien Natur ist der Frühling kurz nach der Winterruhe und auch der Herbst die Hauptpaarungszeit. In diesen Zeiten sind die Schildkröten sehr aktiv.

Wenige Wochen nach der Kopulation im Frühjahr beginnen die Weibchen mit der ersten Eiablage. Je nach Art erfolgt wenige Wochen später das zweite oder auch dritte Gelege.

Europäische Landschildkröten sind sehr ortsgebunden. Ihr angestammtes Streifgebiet befindet sich in mehr oder weniger baumbestandenem und buschigem Gelände, das für die Zeitigung von Eiern nicht immer die erforderliche volle Sonneneinstrahlung und damit eine relativ hohe Bodentemperatur und auch nicht die erforderliche relativ konstant hohe Bodenfeuchtigkeit aufweist. Aus diesem Grund müssen die trächtigen Weibchen zum Legen der Eier ihr eingendliches Streifgebiet verlassen und offene sonnendurchflutete und vor allem auch feuchtere Gebiete mit sehr niederem Pflanzenbewuchs aufsuchen. In der Regel sind das Senken in Gewässernähe, Flächen unterhalb von Berghängen oder in Senken mit relativ hohem Grundwasserspiegel.

Die Eigrube wird, zum Schutz der schlüpfenden Jungen vor Fressfeinden nicht auf eine freie Fläche, sondern immer in der Nähe eines kleinen lichten Busches angelegt.

Nach der Eiablage begeben sich die Weibchen wieder zurück in ihr eigentliches Streifgebiet das sie durch ihren ausgeprägten Geruchs- und Orientierungssinn problemlos wieder finden. Die Weibchen aus der ganzen Umgebung suchen immer wieder dieselben Stellen zur Eiablage auf.

Jeder von uns der weibliche Landschildkröten hält, hat diesen Wanderdrang sicher bei seinen Tieren schon beobachten können. Die Schildkröten wandern unruhig auf und ab und versuchen auch aus dem Gehege auszubrechen

Ab Ende Mai, wenn die Niederschläge mit der zunehmenden Hitze abnehmen, findet die Blütenpracht ein schnelles Ende. Die allermeisten Pflanzen haben in der glühenden Sommerhitze keine Chance. Die Gräser und Kräuter vertrocknen zu Heu und mehrjährige Pflanzen fallen um zu überleben in eine Art Sommerruhe.

Während der Sommermonate steht den Schildkröten ein völlig anderes Futter zur Verfügung. Abgesehen von einzelnen Dickblattgewächsen, wie verschiedenen Mauerpfefferarten und den immergrünen Büschen oder der auch sehr gern gefressenen, mancherorts massenhaft auftretenden Stechwinde, handelt es sich nur noch um dürres trockenes Futter.  Die gerade auch in den Sommermonaten notwendigen Vitamine und die ebenso lebenswichtigen ungesättigten Fettsäuren holen sich die Tiere durch reichliches fressen von Samen, wilden Früchten und Beeren aller Art. Diese Früchte und Beeren im Habitat sind jedoch keinesfalls mit den bei uns verfügbaren, süßen und wässrigen Früchten und Beeren zu vergleichen.

Auf beweideten Macchia-Flächen kommt es sehr schnell zu einer Verarmung der Pflanzenarten, weshalb bereits hier den Schildkröten nicht mehr die natürliche Pflanzenvielfalt zur Verfügung steht. Gerade auch bei der Ernährung kann als „Vorbild Natur“ nur der wirklich ursprüngliche Primärlebensraum und nicht irgendeine vom Menschen bereits veränderte und bewirtschaftete Fläche herangezogen werden.      

Im Frühjahr und wieder im Herbst benötigen die Schildkröten viel Energie. Sie fressen deshalb zunächst fast ausschließlich frisch gekeimte Triebe und nehmen dadurch reichhaltige Eiweißverbindungen auf. Die gesättigten und ungesättigten Fettsäuren wirken positiv auf viele Stoffwechselprozesse und stärken das Immunsystem. Wildpflanzen haben im Gegensatz zu Kulturpflanzen einen höheren Kalzium-, Mineral-, Vitamin- und Rohfasergehalt bei einem relativ reduzierten Wasseranteil. Die meisten Wildpflanzen enthalten zusätzlich viele gesundheitsfördernde Substanzen, wie ätherische Öle, Bitterstoffe, Flavonoide, Gerbstoffe, Saponine und Schleimstoffe und werden deshalb auch heute noch in der Pflanzenheilkunde verwendet.      

Besonders die ätherischen Öle und Bitterstoffe haben bei der Verdauung eine positive Wirkung und helfen auf Dauer, den Magen-/Darmtrakt gesund zu erhalten. Andere Inhaltsstoffe binden Gifte, wirken antiseptisch und blutreinigend. Alle diese aus der Volksmedizin bekannten Wirkungen sind zwar nur für uns Menschen und Säugetiere belegt, es kann jedoch angenommen werden, dass diese Inhaltsstoffe genauso wie die Mineralstoffe und Vitamine auch bei Reptilien in gleicher Weise wirksam sind.

Das Frühjahr

Eine besondere Vorliebe für bestimmte Pflanzen ist im Frühjahr zunächst noch nicht zu beobachten. Die Tiere weiden praktisch alles ab was keimt. Auch Keimlinge und frische Triebe von Pflanzen, Büschen und Bäumen die sie im ausgewachsenen Stadium in der Regel verschmähen, wie beispielsweise die meisten Arten des Salbeis (Salvia sp.) oder die Laubblätter der Zistrosen (Cistus sp.). Durch diese Vielfalt ernähren sich die Schildkröten abwechslungsreich und ausgewogen. Die verschiedenen Pflanzen enthalten alle wichtigen Grundnährstoffe, weshalb Mangelerscheinungen in der Ur-Macchia ausgeschlossen sind.

In der folgenden Vegetationsperiode zeigen europäische Landschildkröten eine Vorliebe für alle löwenzahnähnlichen Rosettenpflanzen die Milchsaft enthalten. In der Regel sind das Korbblüher (Asteraceae). Gefressen werden mit Vorliebe auch viele würzig schmeckenden Kreuzblütler (Brassicaceae), Hülsenfrüchtler (Leguminosae), die meisten Kleearten (Anthyllis, Dorycnium, Lotus, Medicago, Trifolium) mit Ausnahme der oxalsäurehaltigen Bitterkleearten (Oxalis) sowie viele andere Schmetterlings- und Lippenblütler (Fabaceae und Lamiaceae) und Nelkengewächse (Caryophyllaceae).   

Der Sommer

Im Frühsommer fressen die Schildkröten bevorzugt Blütenknospen und Blüten besonders rot und gelb blühender Pflanzen und im weiteren Verlauf Wildfrüchte aller Art, die noch grünen Samenkapseln und Schoten und schließlich die verschiedenen Samen selbst. Allerdings sind Wildfrüchte in keiner Weise mit den für den menschlichen Verzehr gezüchteten wässrigen, süßen, zuckerhaltigen Früchten zu vergleichen. Sie sind vorwiegend trocken, schmecken fad und enthalten wenig Fruchtzucker.Im Hochsommer fressen die Tiere fast ausschließlich nur noch trockene Pflanzenbestandteile und Blätter von diversen Bäumen und Büschen. Die Schildkröten nagen auch sehr ausdauernd an Rinden und Wurzeln, die teilweise regelrecht ausgegraben werden.

In dieser kargen Zeit vollführen die Schildkröten die tollkühnsten Kletterkünste um an Blätter, Wildfrüchte und Samenkapseln zu gelangen. Gerade die energiereichen Samen sind in dieser futterpflanzenknappen Zeit durch ihren hohen Anteil an Pflanzenölen mit den wertvollen gesättigten und ungesättigten Fettsäuren und Eiweißverbindungen wichtig für eine gesunde Ernährung und in der Folge auch für eine erfolgreiche Fortpflanzung.

Bis weit in den heißen Sommer hinein sind aber auch noch Futterpflanzen grün und blühen ausgesprochen üppig. Am meisten vertreten sind hier Kardengewächse wie Skabiosen (Scabiosa), die Wegwarte (Cichorium intybus), der Kleine Wiesenknopf (Sanguisorba minor) und verschiedene Winden- (Convolvulaceae) und Distelarten.

Der Herbst

Im Herbst, wenn die Macchia nach den ersten Herbstregen zu ihrem „zweiten Frühling“ erwacht, schließt sich der Kreis wieder mit den keimenden Jungpflanzen, die jetzt auch den Schlüpflingen als erste energie- und nährstoffreiche Nahrungsquelle zur Verfügung stehen.

​​Allgemeines

Derbe trockene Pflanzenteile, wie die älteren Blätter der meisten Bäume und Büsche, werden von den Schildkröten nur gefressen, wenn die frischen Grünpflanzen im Hochsommer vertrocknet sind und auch die Baume und Büsche keine jungen Triebe mehr haben.

Nicht oder wirklich nur im äußersten Notfall gefressen werden harzige Pflanzen wie die in manchen Habitaten sehr häufigen Sträucher der Aleppo-Kiefer (Pinus halepensis), der Stern-Kiefer (Pinus pinaster), der Tamarisken (Tamarix), des Stechwacholders (Juniperus oxycedrus) und des Phönizischen Wachholders (Juniperus phoenicea). Allerdings habe ich in Schildkrötenkot im Spätsommer öfters auch schon die reifen 8 bis 14 Millimeter großen Beerenzapfen der Wacholder gefunden. Gerade in den Sommermonaten gibt in Wasser aufgeweichter Kot einen guten Einblick in die Ernährung der Schildkröten. Viele hartlaubige Blätter wie die des Erdbeerbaumes (Arbutus unedo) und harte schwer verdauliche Früchte wie die 10 bis 30 Millimeter großen leuchtend orangebraunen Früchte der Zwergpalme (Chamaerops humilis) finden sich dort neben Schneckenschalen und verschieden großen Kalksteinchen.

Überhaupt nicht gefressen werden offensichtlich alle Arten von Wolfsmilchgewächsen (Euphorbia), und verschiedene ätherische Öle enthaltende Gewürzkräuter wie Rosmarin (Rosmarinum officinalis) Lavendel (Lavandula sp.), Majoran (Origanum sp.) oder die Karst-Bergminze (Satureja montana)

Giftige Pflanzen

Europäische Landschildkröten schätzen auch Pflanzen mit für uns Menschen und Säugetiere giftigen Inhaltsstoffen. Allen voran diverse Hahnenfußgewächse (Ranunculaceae) und Raublattgewächse wie die verschiedenen Natternkopfarten (Echium) die zuhauf in den Habitaten vorkommen und zur Grundnahrung der Schildkröten gehören. Aber auch hoch giftige Arten wie die früher als Rattengift verwendete Meerzwiebel (Urginea maritima), Aronstabgewächse wie der Itlaienische Aronstab (Arum italicum), der Krumstab (Arisarum vulgare) oder die Gewöhnliche Schlangenwurz (Dracunculus vulgaris) und die sehr häufig vorkommende ganze Büsche überziehende Schmerwurz (Tamus communis), werden bevorzugt gefressen. Ebenso beliebt sind die Schmetterlingsblüten der vielen Ginsterarten wie beispielsweise des Stechginsters (Ulex euro-paeus), des Besenginsters (Cytisus scoparius) oder des Behaarten Dornginsters (Calicotome villosa) und des Stacheligen Dornginsters (Calicotome spinosa). Ginster enthalten insbesondere in den Blättern und Samen für Säugetiere hoch giftige Alkaloide. In Sizilien habe ich oft Schildkröten beobachtet die sich an heruntergefallenen giftigen Oleanderblüten (Nerium oleander) genüsslich labten.

Bevorzugt gefressen werden ebenso die oft sehr üppig vertretenen Sedum-Arten, welche durch ihren Oxalsäuregehalt, der den Kalziumstoffwechsel stört, ebenfalls als giftig eingestuft sind. 

 

Der Unterschied zwischen Heilsubstanz und Gift ist jedoch nur eine Frage der Dosierung. Schon der bedeutendste Arzt und Naturphilosoph Paracelsus hatte folgende Erkenntnis: “Alle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift, allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“

Der Kalkbedarf

Die auf kalkhaltigen Böden gewachsenen Pflanzen enthalten genügend Kalzium um adulte Schildkröten ausreichend zu versorgen. Den erhöhten Kalkbedarf den Weibchen zum Beschalen der Eier und Jungtiere für den Aufbau der Knochen und des Knochenpanzers benötigen, holen sich die Schildkröten auf sehr unterschiedliche Weise. Schon die Schlüpflinge fressen noch in den Eigruben an ihren eigenen Eierschalen und suchen später ganz gezielt kleine weiße Kalksteinchen. Wilde Schildkröten fressen die Steinchen nur um Mineralien und Spurenelemente aufzunehmen und nicht um Darmparasiten auszutreiben oder zur Unterstützung der Verdauung wie das Vögel tun.

Junge wie ältere Schildkröten habe ich schon oft beim Fressen von leeren Häuschen der herumliegenden Busch-, Turm- und Schnirkelschnecken beobachtet. Auch die in der Macchia verstreut herumliegenden Knochen verendeter Wildtiere werden von den Schildkröten als Kalkquelle genutzt. Die Schildkröten nagen mit unendlicher Ausdauer an den Knochen wie wir es sonst nur von Hunden kennen. Sepiaschalen liegen im Frühjahr teilweise massenhaft an den Stränden und werden vom Wind und auch von den Möwen weit ins Land hineingetragen. Als weiterer Kalklieferant werden auch Eierschalen genutzt, die zuhauf in verlassenen Bodennestern von Fasan, Reb-, Steinhuhn und Wachtel liegen.

Zusätzliche Nahrung

Sehr beliebt ist bei den Schildkröten auch der Kot von Pflanzenfressern, wie Hasen, Rehen, Schafen und Ziegen. Auch an Wildschweinkothaufen habe ich Schildkröten schon fressen gesehen. Das Kotfressen ist den Schildkröten angeboren. Schlüpflinge fressen den Kot älterer Artgenossen um ihre zunächst noch nicht entwickelte Darmflora möglichst schnell mit spezialisierten Bakterien und Einzellern zu impfen. Ohne diese Darmflora wäre eine Fermentierung des Futters und damit der Entzug der Nährstoffe aus dem Futterbrei nur unvollständig möglich. Kot von Pflanzenfressern enthält regelmäßig konzentrierte unverdaute Nährstoffe und eine ganze Reihe von überschüssigen Vitaminen und Mineralien, welche die Schildkröten zusätzlich nutzen. 

Tierische Nahrung in Form von Schnecken oder kleinen Insekten nehmen die Schildkröten in der freien Wildbahn eher zufällig auf. Allerdings machen Schildkröten dem Vernehmen nach auch vor Aas nicht halt. Ich selbst habe in vielen Gesprächen mit Einheimischen noch niemanden getroffen der ähnliche Beobachtungen gemacht hat. Obwohl ich in Habitaten hin und wieder verendete Tierkadaver auch in der Nähe von aktiven Schildkröten fand, habe ich selbst noch keine Schildkröte an solchen fressen gesehen. Ich denke es handelt sich hier um vernachlässigbare Einzelbeobachtungen außerhalb von Primärhabitaten.

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© 2020 Wolfgang Wegehaupt

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