Wasserschildkröten    

Die Europäische Sumpfschildkröte Emys orbicularis orbicularis LINNAEUS, 1758

Emys orbicularis kommt im Mittelmeerraum noch relativ häufig vor. Es ist die einzige Schildkrötenart, die sogar in Deutschland, der Schweiz und in Österreich heimisch ist. Allerdings sind diese Bestände extrem selten. Die nördlichsten Vorkommen sind in Litauen bekannt. Das europäische Verbreitungsgebiet reicht von der iberischen Halbinsel über Südfrankreich, Italien, den meisten Mittelmeerinseln, Polen, Ungarn, Rumänien über den gesamten Balkan. Weiter kommt sie in der Türkei, in Teilen Westasiens und in Teilen Nordafrikas vor. Es sind eine ganze Reihe Unterarten beschrieben.

In ihrem Verbreitungsgebiet ist die Sumpfschildkröte in fast allen geeigneten, stehenden oder langsam fließenden Gewässern anzutreffen. Bevorzugt werden krautige Gewässer mit üppiger Wasser- und Ufervegetation und schlammigem Grund.

In landwirtschaftlichen Anbaugebieten ist die Sumpfschildkröte in fast jedem Bewässerungsgraben, sogar in übel riechenden Abwasserkanälen und -gräben zu finden. In letzteren sicher nur, weil es sich um den von Menschenhand verschmutzten ursprünglichen Lebensraum handelt.

Selbst im Brackwasser kann man die Tiere beobachten.

Weil die meisten dieser Gräben und Wasseransammlungen in den heißen Sommermonaten vollständig austrocknen, graben die Sumpfschildkröten sich rechtzeitig im noch nassen Schlamm ein, um die wasserlose Zeit in einer Art Sommerstarre in dem meist nur oberflächlich austrocknenden Schlamm zu überdauern. Nur wenige Tiere haben die Möglichkeit, in nahe gelegene, ständig Wasser führende Flüsse oder Seen abzuwandern.

Die Sumpfschildkröten haben in ihren Primärhabitaten eine äußerst scheue Lebensweise und eine große Fluchtdistanz. An Land sonnende Schildkröten sind aus diesem Grund nur sehr selten zu beobachten. Bei der geringsten Störung rennen die Tiere, sich fast überschlagend, ins Wasser oder lassen sich einfach von ihrem Sonnenplatz herunterfallen. Im Wasser angekommen schwimmen sie sofort zum Grund, graben sich im Schlamm ein oder verstecken sich im Pflanzendickicht. Oft hört man in einer Entfernung von bis zu 20 Metern nur ein Platschen und weiß nicht, ob eben ein Frosch oder eine Schildkröte in das Wasser geflüchtet ist.

Manchmal kann man die Sumpfschildkröten frei im Wasser schwimmend beobachten. Aber auch hier sind die Tiere sehr empfindlich gegen einfallende Schatten, Bewegungen oder Erschütterungen. Bewegungslose Beobachter werden von den Schildkröten jedoch nicht bemerkt.

Zum Sonnen benutzt die Sumpfschildkröte gern ins Wasser hängende Baumstämme, alle möglichen auf dem Wasser schwimmenden Gegenstände und kleine Lichtungen in der Ufervegetation. Die Schildkröten sitzen auch gern in unmittelbarer Nähe von Artgenossen oder sogar übereinander, um die Wachsamkeit gegenüber Feinden zu erhöhen. Beim Sonnenbaden nehmen die Schildkröten gerne eine leicht schräge Stellung ein und strecken gleichzeitig den Kopf und die Gliedmaßen weit aus dem Panzer, um mit einer möglichst großen Oberfläche die Sonnenstrahlung aufzunehmen.

In der Hauptpaarungszeit im Frühjahr kann man manchmal Tiere beim Werberitual im Wasser treibend beobachten. Das Männchen sitzt hierbei auf dem Rücken des Weibchens und hält sich mit den Krallen am Panzerrand fest. Gleichzeitig führt das Männchen mit lang ausgestrecktem Hals ständig Nickbewegungen zum Kopf des Weibchens aus. Zu direkten Bissen kommt es jedoch nur selten. Während des Rituals und der anschließenden Paarung sind die Sumpfschildkröten so stark auf sich konzentriert, dass sie ihre Umgebung offenbar gar nicht mehr wahrnehmen und keine Fluchtreaktion zeigen.

Von April an graben die Weibchen in unmittelbarer Nähe ihres Gewässers Nistgruben und legen dort ihre Eier ab. Nach etwa vier Wochen erfolgt ein zweites Gelege. Schlüpflinge und jüngere Sumpfschildkröten führen ein sehr verstecktes Leben im Schlamm und im Pflanzendickicht und sind daher nur äußerst selten zu beobachten.

Alle Vertreter der Europäischen Sumpfschildkröten sind omnivor, also Allesfresser. Die Tiere sind sehr aktive und ausdauernde Jäger. Sie fressen alles, was sich jagen lässt. Von kleinen Krebstieren und den mancherorts zahlreich vorkommenden Süßwassergarnelen über Schnecken, (leider) auch Kaulquappen, kleine Frösche, Lurche, Molche und deren Larven.

Die in fast jedem Gewässer vorkommenden kleinen Kobold-Kärpflinge (Gambusia affinis) werden gern gejagt und gefressen. Die Gambusen wurden Anfang des 19. Jahrhunderts aus den Südstaaten der USA zur Bekämpfung der Mücken im gesamten Mittelmeerraum eingeführt und bis heute in fast jeder Wasseransammlungen im Mittelmeerraum anzutreffen

Sumpfschildkröten haben dieselben Feinde wie ihre landlebenden Verwandten. Oft können sie jedoch im Wasser schneller fliehen und sich besser verbergen.

Die zunehmende Trockenheit lässt manche Wasseransammlung dauerhaft trocken fallen und nimmt so den Sumpfschildkröten den Lebensraum.

In den bewirtschafteten Gebieten werden zunehmend Bewässerungsgräben und -kanäle in Rohre verlegt und so den Tieren ebenfalls der Lebensraum entzogen. In der Nähe von Städten oder intensiv landwirtschaftlich genutzten Gebieten sind Bäche und Flüsse mit Abwässern, Überdüngung oder Spritzmitteln bereits derart  verschmutzt, dass auch hier trotz der relativ großen Toleranz der Tiere keine Schildkröten mehr leben können.

Den Winter verbringen Sumpfschildkröten eingegraben im Schlamm.

Westkaspische Bachschildkröte Mauremys rivulata VALENCIENNES, 1833

Maurische Bachschildkröte Mauremys leprosa SCHWEIGGER, 1812

 

 

​Es gibt eine ganze Reihe deutscher Namen für die in meiner Jugendzeit als Kaspische Bachschildkröten Mauremys caspica bezeichneten Wasserschildkröten. Selbst bei der lateinischen Namensgebung scheint man sich auch heute noch nicht ganz einig zu sein. Aber auch hier spielt der verwendete Name oder die Einordnung in Arten oder Unterarten für die Beschreibung der Lebensweise keine Rolle.

Die Mauremys kommen nicht wie die Emys im gesamten Mittelmeerraum vor, sondern fehlen in ganz Italien einschließlich der italienischen Inseln und kommen an der Adriaküste vereinzelt erst wieder im äußersten Süden von Kroatien und dann wieder ab Montenegro vor. Ansonsten deckt sich das Vorkommen im europäischen Mittelmeerraum mit dem der Europäischen Sumpfschildkröte. Mauremys leben häufig vermischt unmittelbar neben Emys, bevorzugen jedoch grundsätzlich fließende Gewässer und sogar größere Flüsse. Im europäischen Mittelmeerraum sind zwei Arten vertreten: Westlich von Italien ist Mauremys leprosa und östlich von Italien Mauremys rivulata heimisch. Die Lebensweise der beiden Arten unterscheidet sich nicht.

 

 

Bei den Primärgewässern handelt es sich um breitere Bäche und langsam fließende Flüsse, wo sich die Tiere unter den oft überhängenden Böschungen und in den ruhigeren Randzonen im Pflanzengestrüpp aufhalten. Zwischenzeitlich sind die Bachschildkröten jedoch auch in stehenden Gewässern und sogar kleineren Tümpeln genauso wie in Gräben oft in sehr großen Stückzahlen anzutreffen. Trocknen diese Gewässer im Sommer aus, halten auch die Bachschildkröten eingegraben im Schlamm, eine Sommerruhe. In Primärhabitaten sind auch Mauremys scheu und haben eine große Fluchtdistanz. Allerdings sind die Mauremys nicht ganz so vorsichtig wie die Emys und tauchen nach einer Flucht relativ schnell wieder auf, um vorsichtig die Gegend zu beobachten. Auch Mauremys sind in touristischen Gegenden sehr zahm und verlassen beim Anblick von Menschen sogar das Wasser, um regelrecht nach Futter zu betteln.

 

 

Die Bachschildkröten können beim Sonnenbaden oft in großen Gruppen angetroffen werden. Bevorzugt an überhängenden, stark bewachsenen Ufern, an denen regelrechte Stufen in das Erdreich getreten wurden. Es werden aber genauso aus dem Wasser ragende Bäume und Äste, Grasbüschel und alle möglichen anderen Sonnenplätze benutzt. 

Während Jungtiere sich vorwiegend von tierischer Kost ernähren, weiden ältere Tiere auch sehr ausdauernd Algen und Wasserpflanzen ab. Gefressen wird ansonsten wie bei den Emys auch alles, was das Wohngewässer an Nahrung bietet, auf die Wasseroberfläche fällt oder in Form von Aas gefunden wird. In manchen kleineren Tümpeln stehen die Tiere geradezu in Kaulquappen der unzähligen Wasserfrösche. Im Gegensatz zu Emys, die nur im Wasser fressen können, habe ich Mauremys auch schon an Land fressen und sogar Pflanzen abweiden gesehen.

Das Werberitual beginnt bei den Wasserschildkröten mit intensivem Kopf-an-Kopfkontakt, wobei das Männchen seinen Kopf vor dem Kopf des Weibchens hin und her bewegt. Schließlich setzt sich das Männchen, wie es die Emys ebenfalls machen, auf den Rückenpanzer des Weibchens und klammert sich am Rand fest.  Hier wird das Weibchen dann immer wieder nach wilden Hin- und- her-Bewegungen mit dem Kopf in den Nacken gebissen. Zur Kopulation rutscht das Männchen nach hinten hinunter.

Die Eier werden von Anfang Mai an in Ufernähe in kleinen Eigruben vergraben. Meist folgt ein zweites Gelege.

Schlüpflinge und jüngere Schildkröten leben sehr zahlreich in flachen, oft vom eigentlichen Gewässer abgetrennten Randbereichen oder in sehr flachen Pfützen, in denen das Wasser sich stark erwärmt.

Auch die Bachschildkröten verbringen den Winter eingegraben im Schlamm ihrer Gewässer. In Südspanien und im Süden Portugals ist Mauremys leprosa aufgrund der milden Temperaturen auch im Winter aktiv.

Die Rotwangenschmuckschildkröte Trachemys scripta elegans WIED, 1839

Die ursprünglich aus Amerika stammende und in den zurückliegenden Jahrzehnten in riesigen Mengen importierte Rotwangenschmuckschildkröte hat mittlerweile zusammen mit weiteren gebietsfremden Wasserschildkröten auch in der Natur im Mittelmeerraum eine ausgedehnte Verbreitung gefunden. Anders als in nördlicheren Gebieten können diese Schildkröten sich dort auch erfolgreich reproduzieren, sodass in vielen Feuchtgebieten, Teichen und Bachläufen im Mittelmeerraum Schmuckschildkröten, in allen Größen neben den einheimischen Bach- und Sumpfschildkröten zu finden sind. Dort leben sie leider besonders mit den Sumpfschildkröten in Konkurrenz und haben diese an vielen Orten bereits verdrängt. Trachemys sind als Allerfresser nicht nur Nahrungskonkurrenten, sie verschmähen auch die relativ kleinen Jungtiere von Emys und Mauremys nicht. Ich kenne in Griechenland einen kleineren See, in dem wir in den 1990er Jahren noch eine größere Population Emys beobachten konnten. Als wir diesen See im Mai 2004 besuchten, fanden wir dort nur noch Rotwangenschmuckschildkröten vor. Mancherorts sind zur Aufklärung der Bevölkerung bereits Hinweisschilder aufgestellt. 

In Spanien haben sich die Rotwangenschildkröten in den letzten Jahren in einem weitläufigen Graben- und Bewässerungssystem derart vermehrt, dass dort sicher hunderte Schildkröten einen neuen Lebensraum eingenommen haben.

© 2020 Wolfgang Wegehaupt

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